Die Krisenkolumne: Gendergerechtes Onanieren

Danke für den Beitrag an den Standard – CHRISTOPH WINDER!

Reflexionen über eine drängende sprachliche Zweifelsfrage

Lediglich Herr Hanger sorgt selbst während seiner sommerlichen Absenz für Lacher. An diesem Thema ist aber schon die Tagespresse dran.

Hochsommer ist’s, für Kolumnisten und sonstige in periodischen Abständen zum Schreiben verpflichtete Menschen eine hochdelikate Zeit. Denn: Es droht das gefürchtete Sommerloch, Sinnbild existenzieller Leere und peinvoller nihilistischer Anwandlungen.

Wer sich keine belangsarmen Kolumnen über auf dem Gartengrill schmurgelnde Bratwürste oder außer Rand und Band geratene Rasenroboter abquälen will, hat bei der Themenfindung seine liebe Not. Vor allem sind die Politiker, ansonsten zuverlässige Lieferanten für hochwertiges Gagmaterial, auf Urlaub, lediglich Herr Hanger sorgt selbst während seiner sommerlichen Absenz für Lacher. An diesem Thema ist aber schon die Tagespresse dran.

Das einzige Glück an der momentanen Inhaltsleere ist, dass sie Raum für die Erörterung drängender zeitgeschichtlicher Fragen jenseits des tagespolitischen Horizonts schafft. So war etwa diese Woche in dieser Zeitung zu lesen, dass einer Erkenntnis der Sexualtherapeutin Nicole Kienzl zufolge der leichtere Zugang zu Pornografie die Selbstbefriedigung gerade auch bei Frauen gesteigert habe.

Das Problem: Dieser schöne Zuwachs an weiblicher Selbstermächtigung hat keinen adäquaten sprachlichen Niederschlag gefunden. So wird der saloppe Ausdruck „Wichser“ (Duden-Definition: „jemand der onaniert, derb“) fast ausschließlich im generischen Maskulinum verwendet, bei dem Frauen lediglich mitgemeint sind und der Eindruck entsteht, Männer seien das einzige Gender, das lustvoll an sich selber reibt.

Kaum Abhilfe würde ein vermehrter Gebrauch des Wortes WichserInnen schaffen, weil er keine Trans-Onanisten inkludiert. Die Juxtaposition von männlicher und weiblicher Form wirft wie immer das Problem auf, ob Frauen oder Männern der Vortritt gebührt („Wichserinnen und Wichser“ oder „Wichser und Wichserinnen“?). Am besten wäre wohl die von den „Radfahrenden“ her bekannte nominalisierte Form des Partizip Präsens, also: „die Wichsenden“, weil die zumindest im Plural einwandfrei inklusiv und genderneutral funktioniert.

Vorschlag des Krisenkolumnisten: Der Duden sollte einen Wettbewerb für die eleganteste sprachliche Lösung des Problems ausschreiben. Vielleicht mit einem handsignierten Tschurifetzen oder irgendetwas Ähnlichem als ersten Preis. (Christoph Winder, 9.8.2021)